Fanatismus

Fanatismus (nach Duden) 1. rigoroses, unduldsames Eintreten für eine Sache oder Idee als Ziel, das kompromisslos durchzusetzen versucht wird 2. fanatische Idee, Handlungsweise, Äußerung Herkunft: im 16. Jh. entlehnt aus lat. fānāticus ‘von der Gottheit ergriffen, rasend’ Synonyme: - Synonyme: Besessenheit, Blindgläubigkeit, Blindwütigkeit, Glaubenseifer, Verbissenheit.

Hintergrund

Werdegang eines Stückes

Voltaire: „Le fanatisme ou Mahomet le prophète“, Tragédie en cinq actes
1736, uraufgeführt 1741
Verboten von 1742-1751

Der grosse Aufklärer Voltaire zeigte sein Stück erstmal in Lille. Das Publikum war begeistert.
Nächste Station war Paris – dort wurde das Stück nach drei Vorstellungen verboten. Generalstaatsanwalt Kardinal Joly de Fleury begründete die Zensur damit, dass das Stück eine Ungeheuerlichkeit voller Schändlichkeiten, Ruchlosigkeiten, Unglauben und Gottlosigkeit sei.

Voltaire schickte sein Werk mit einer Widmung versehen an Papst Benedikt XIV. Dieser schickte ihm zum Dank zwei Medaillen mit seinem Porträt. Ihm war offenbar entgangen, dass Voltaire eigentlich die Auswüchse jeder monotheistischen Religion aufs heftigste attackiert hatte. Vergeblich fälschte Voltaire den Brief des Papstes noch deutlicher zu seinen Gunsten, um die Zensurbehörde zu überzeugen – trotzdem blieb das Stück bis 1751 verboten.

Danach kam es zu einer längeren Reihe von sporadischen Aufführungen, bis das Stück allmählich in Vergessenheit geriet.

Das änderte sich mit den aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und westlichen Demokratien in der heutigen Gesellschaft (Fatwa gegen Rushdie, Karikaturenstreit, etc.). Etliche Versuche, das Stück aufzuführen, wurden bereits im Vorfeld abgewürgt – sei es aus Angst vor gewalttätigen Konflikten, sei es aus vorauseilender political correctness. Ein krasses Beispiel ereignete sich 1993 in Genf, als Regisseur Loichemol das Stück im Rahmen der Feiern zum 300. Geburtstag Voltaires inszenieren wollte. Islamistische Kreise hintertrieben systematisch das Projekt, bis die Stadt Genf ihre bereits zugesagten Subventionsbeiträge strich. Erst im Jahr 2005 kam dann doch noch eine Aufführung zustande.

Goethe: „Mahomet“ - Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire
1799, uraufgeführt 1800

Goethe hatte sich grosse Mühe gegeben, Voltaires inzwischen etwas hölzern wirkenden Verse in eine zeitgemässere Sprache zu übertragen, und die Zeitgenossen sahen im Mahomet „das Meisterstück eines großen Dichters“, wie aus einer Besprechung hervorgeht, ähnlich äußerte sich Schiller. Auch Goethes Übersetzung ins Deutsche wurde als bedeutende literarische Leistung gewürdigt: „die Verdeutschung“, schrieb ein zeitgenössischer Rezensent, „verkündigt die Hand eines Meisters“. Trotzdem wurde das Stück nach der Uraufführung am Weimarer Hoftheater immer weniger bis kaum noch gespielt.

„An eine Aufführung von Voltaires umstrittenen, vor zweihundertfünfzig Jahren der Zensur abgerungenen Drama Mahomet ist im heutigen Europa nicht mehr zu denken. Der Umstand, dass der Prophet Mohamed in Voltaires Stück auftritt, sich in seiner zutiefst menschlichen Fragwürdigkeit zu erkennen gibt und von den anderen Figuren kontrovers reflektiert und behandelt wird, reicht aus, um muslimisch inspirierte Verbots-Prozeduren in Gang zu setzen. Es ist Usus geworden, gilt als „politische Vernunft“ und Zeichen „politischer Kultur“, diesem Druck nachzugeben.“ (Chaim Noll, 2011)

Im Jahr 1993 nahm sich das Theater in Freiburg i. Br. zum 300. Geburtstag Voltaires des Stoffes an und brachte Goethes Übersetzung auf die Bühne – anscheinend ohne grosse Turbulenzen.

Wir verwenden die aktuellste Übersetzung von Tobias Roth aus dem Jahr 2016; sie hält sich stark an Voltaires Original und behält auch das Prinzip der gereimten Zweizeiler bei. Erschienen ist sie im Verlag "Das kulturelle Gedächtnis".